1. Dezember 2025
Piano Journal
Deniz Inan
Egal welches Instrument, welches Stück und welcher Schwierigkeitsgrad - manchmal ist bei all der Liebe, dem Herzblut und der Mühe auch viel Frustration dabei. Teils manifestiert sich diese Frustration in Gedanken, die gehässig und gemein sind und die eigene Motivation vollständig untergraben. Ich für meinen Teil kann behaupten, dass ich noch keine Musikerin und keinen Musiker getroffen habe, die oder der völlig frei von dieser Art Gedanken war - mich selbst eingeschlossen. Aber wieso kommen diese Gedanken zustande, und warum sind sie so energie- und motivationsraubend? Kann man denn eigentlich etwas dagegen tun? Das möchte ich für mich und für euch einfach mal festhalten - ohne eine Psychoanalyse-to-go-Packung zu verkaufen. Vielmehr soll es eine kleine Selbstreflexion sein, die bei der einen oder dem anderen bestimmt ein zustimmendes Nicken hervorruft.
Jede*r kennt das und war schon an diesem Punkt. Man übt ein Stück und kommt einfach nicht weiter - einer der frustrierendsten Gedanken überhaupt. Gewisse Takte oder ganze Passagen wollen trotz vieler Tage des Übens einfach nicht sitzen. Das frustriert. Besonders Anfänger*innen sind von diesen ersten Hürden betroffen, wobei ich nicht ausschließen möchte, dass es auch (semi-)professionellen Musiker*innen und selbst großen Namen der Szene ähnlich geht. Sämtliche Tricks hat man schon versucht: Stop’n’Go-Methoden, verschiedene Fingersätze, Finger-Tapping à la Glenn Gould, unterschiedliche Rhythmen und Betonungen, nur mit einer Hand spielen usw. - und doch bleibt der Erfolg aus. Ich kann sogar von Passagen berichten, die ich selbst komponiert habe und trotzdem wochenlang üben musste, um Sicherheit und Ausdruck zu erreichen. Die Motivation sinkt mit jeder Minute, und man fragt sich, warum man mit diesem blöden Stück überhaupt angefangen hat.
Hier ist die Perspektive entscheidend. Der Schlüssel, diese Blockade zu lösen, liegt darin, sich selbst nicht nur Zeit zum Üben, sondern auch Zeit zum Verstehen zu geben. Kleine, liebevoll gestaltete Übungsroutinen können da schon ein guter Anfang sein:
Bei kaum einer anderen Tätigkeit feuern so viele Neuronen in so unterschiedlichen Teilen des Gehirns gleichzeitig wie beim Musizieren. Es stimmt - schlagt es nach. Euer Gehirn vollbringt Höchstleistungen! Da darf man sich ruhig mal auf die Schulter klopfen und sagen: Heute habe ich meine Übungsstunde durchgezogen und weitergemacht. Oft wirkt der Fortschritt langsam, fast wie Stillstand - aber das Gegenteil ist der Fall. Schwierige Passagen brauchen einfach Zeit, und die Geduld mit sich selbst ist eine der wichtigsten Lektionen - nicht nur in der Musik.
Mittlerweile gibt es einen ganzen Dschungel von Apps zum Musiklernen und Schnell-zum-Erfolg-Kursen: „Klavierlernen in nur einem Monat“ oder „10 Stücke in 10 Wochen“. Meist wohltuende Klänge - jedoch ohne nachhaltigen Erfolg. Das gilt ebenso für Lern-Apps wie für alle anderen digitalen Anwendungen. Als Einstieg und zum Kennenlernen sind sie nützlich, aber eine App oder ein Kurs kann kein eigenständiges Üben und kein tiefes Auseinandersetzen mit der Partitur ersetzen. Stattdessen sollte man sich eigene kleine Aufgaben oder kreative Ideen für ein eigenes Stück ausdenken. Auch der Lerneffekt mit tatsächlich ausgedruckten Noten sollte nicht unterschätzt werden. Oft bleibt mehr im Gedächtnis, wenn die Noten in Papierform vorliegen und man Notizen machen kann, statt nur auf dem Bildschirm herumzuwischen.
Einige Ideen dafür könnten wie folgt aussehen:
Macht aus dem Üben und Lernen kein Rennen, sondern einen Spaziergang. Der Zugang zu Noten war noch nie so leicht, und der Schatz an Interpretationen war noch nie so groß. Musizieren sollte auch eine spirituelle Angelegenheit sein, bei der nicht Schlag auf Schlag Stücke gepaukt, Techniken gelernt und Wettbewerbe gewonnen werden müssen. Es gibt ja auch Menschen, die Sport treiben, nur um fit und gesund zu bleiben. Warum also nicht musizieren, um mental fit und ausgeglichen zu bleiben?
Musik als Zwang und das Bevormunden durch Eltern sind leider keine Seltenheit. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein Instrument lernen - und das nicht immer aus Prestigegründen. Durch das Musizieren entdeckt man viele Welten, kann Freundschaften knüpfen, Geduld mit sich und anderen lernen und oft eine eigene innere Stimme finden. Meist profitieren auch die Eltern, weil sie neue Musikrichtungen entdecken und spannende Anekdoten hören. Doch natürlich kann man diese schönen Erfahrungen nicht nur mit Chopin, Tárrega und Paganini machen. Selbstverständlich geht das auch mit Stücken von Slipknot, Blink-182 oder AC/DC. Und ja, das funktioniert mit jedem Instrument. Der Gedanke, zu Weihnachten für Oma ein E-Gitarrensolo zu shredden oder ein Drumsolo rauszuhauen, ist keineswegs abwegig. Warum auch? Alles ist Musik - und Musik ist in ständiger Entwicklung, genau wie der Mensch selbst.
Die eigene Stilrichtung und Interpretationsweise zu entdecken - und damit die Leidenschaft zur Musik - ist ein großes Geschenk. Warum sollte man bei so einem tollen Geschenk an der Farbe des Papiers meckern? Eltern sollten verstehen, dass für musikalische Förderung vier Aspekte besonders wichtig sind:
Musik dient nicht nur der Förderung oder der Fingerfertigkeit, sondern hilft Menschen, sich selbst und ihre Umwelt in größerem Facettenreichtum wahrzunehmen und ihre Persönlichkeit zu festigen. Zwang, Kritik und Druck haben in dieser Beziehung nichts verloren. Stattdessen sollte man sich informieren und auch als Elternteil mit Musik - wenn auch nur theoretisch - beschäftigen. Gut gemeinte, sich ständig wiederholende Ratschläge haben meist den gegenteiligen Effekt. Deshalb sollte man die nächste Generation an Musiker*innen motivieren, indem man die Liebe zur Musik vorlebt und gemeinsam erlebt - am besten schon im eigenen Zuhause.
Es gibt viele unvergessliche Interpretationen von zahlreichen Künstler*innen, denen man gerne nacheifert. Beispiele sind für mich Interpretationen wie Chopins Polonaise „Héroïque“ von Rafał Blechacz, Chopins Ballade Nr. 1 von Janusz Olejniczak, Liszts „Reminiszenzen an Mozarts Don Juan“ von Lang Lang, Rachmaninoffs Étude op. 39 Nr. 6 von Valentina Lisitsa, Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ von Evgeny Kissin, Schumanns „Kinderszenen“ von Martha Argerich, Chopins „Fantaisie-Impromptu“ von Daniil Trifonov, Glucks „Melodie“ aus „Orfeo ed Euridice“ von Yuja Wang und Rubinsteins Interpretation von Chopins Nocturne op. 27 Nr. 2. Als Fan von Glenn Goulds Bach-Interpretationen darf meine Lieblingsaufnahme von Bachs Toccata aus der Partita Nr. 6 natürlich nicht fehlen.
Man kann und darf seinen Lieblingsinterpretationen nacheifern - oft sind sie sogar Ausgangspunkt der eigenen künstlerischen Entwicklung. Doch sie sollten niemals der goldene Standard sein, der den individuellen Zugang zum Stück blockiert. Kurz:
Ich lehne mich gerne an Passagen an, die mich faszinieren - sei es ein Triller, ein Lauf oder eine Betonung - und versuche, diese Klangfarben in meinen Stil zu integrieren. Oft stelle ich jedoch fest, dass ich sie an meine Klangwelt anpassen muss, sonst klingt das Ergebnis wie ein Klangmosaik mit zu abrupten Übergängen. Es hilft, die eigene Interpretation aufzunehmen und in Ruhe anzuhören, da nach langem Üben das bewusste Selbsthören oft in den Hintergrund rückt. Anfangs konzentriert man sich stark auf Technik und saubere Ausführung. Doch schon eine kurze Smartphone-Aufnahme kann neue Nuancen hörbar machen. Mir ist es schon oft passiert, dass ich Interpretationen komplett verworfen, neu betrachtet und dadurch meine eigentliche Vortragsweise gefunden habe. Man sieht: Auch man selbst kann zur Inspiration werden - wenn man die Perspektive wechselt.
Oft nimmt man stundenlanges Üben und verspannte Schultern in Kauf, um schwierige Passagen zu meistern. Doch mehr Üben bedeutet nicht automatisch besser üben - vor allem nicht, wenn man sich zu viel vornimmt und sich im Schwierigkeitsgrad überschätzt (etwa, indem man mit Liszts „Totentanz“ beginnt). Natürlich ist es frustrierend, wenn man seine Zeitpläne nicht einhalten kann. Doch meist liegt das Problem nicht an einem selbst, sondern am Plan. Man läuft Gefahr, die Freude zu verlieren, in ein Burnout zu geraten oder sich gar zu verletzen - etwa durch eine Sehnenscheidenentzündung. Höchstleistung entsteht nie durch Höchstbelastung. Es kann völlig ausreichen, einen ganzen Nachmittag in zwei oder drei Takte zu investieren. Warum auch nicht? Hürden sind bei allen unterschiedlich: Läufe, Betonungen, Stummwechsel, Triller oder Sprünge - jede*r hat ihre oder seine Lieblingshürden. Und Pausen sind genauso wichtig wie das Üben selbst, denn das Gehirn muss Bewegungsabläufe festigen. Meine Tipps:
Das Ziel sollte nicht sein, Stücke schnell einzustudieren und sie danach nie wieder zu spielen, sondern das eigene Repertoire zu erweitern und sicher in den Fingern zu haben. Üben bedeutet auch, Bekanntes zu vertiefen. Der Blick über den Tellerrand - also darauf, wie andere Interpret*innen dasselbe Stück spielen - kann wertvolle Impulse geben. Ich versuche meist, Gemeinsamkeiten in meinen Hürden zu erkennen: Fällt mir ein Lauf schwer, übe ich ihn mit Stop’n’Go; bei Fingersatzproblemen teste ich denselben Ansatz erneut. Zu erkennen, wie vielseitig eine Methode einsetzbar ist, kann sehr hilfreich sein - und zeigt, dass nicht die Dauer entscheidend ist, sondern die Qualität. Auch Üben muss man üben.
Die Summe toxischer Gedanken endet oft mit dem Gefühl, dass das eigene Talent nicht ausreicht und man besser aufgeben sollte. Das ist Unsinn! Nach Wochen des Übens, steigendem Druck, falschem Zeitplan und wachsender Frustration ist dieser Gedanke zwar nachvollziehbar - aber unbegründet. Wie bereits deutlich wurde, hat das nichts mit fehlendem Talent zu tun - schon gar nicht mit dem Glauben, man werde es sowieso nie schaffen. Häufig liegen die Gründe woanders:
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Musiker*innen, die an internationalen Wettbewerben teilnehmen, mit einem Repertoire auftreten, das sie im Durchschnitt seit über fünf Jahren beherrschen. Diese Stücke werden über Jahre regelmäßig gespielt und im Wettbewerbsjahr Takt für Takt verfeinert - oft sechs bis acht Stunden täglich. Natürlich backt man da als Anfänger*in mit vier Stunden Üben pro Woche kleinere Brötchen. Betrachtet man das eigene Pensum realistisch, erkennt man schnell, dass es nicht an Talent fehlt, sondern an der Quantität und Qualität des Übens.
Oft vergisst man, dass Musik nicht nur Kunst, sondern auch Handwerk ist. Ein Handwerk zu meistern, es mühelos auszuüben, Wissen abrufbar zu haben und weiterzugeben, dauert Jahrzehnte. Man sollte also nicht das eigene Talent oder den eigenen Fleiß infrage stellen, sondern Zeitmanagement und Fokus. Dann verziehen sich die dunklen Wolken über der Partitur wie von selbst.
Egal, ob es die Carnegie Hall ist oder die Weihnachtsfeier bei den Verwandten: der vermurkste Lauf, der falsche Akkord oder ein Blackout - das Verspielen vor Publikum ist immer nervenzerreißend und sehr demotivierend. Trost findet man auch dann kaum, wenn man sich selbst versichern kann, dass man doch genug geübt hat. Sprüche wie „Man muss nicht so lange üben, bis man alles kann, sondern bis nichts mehr schiefgeht“ helfen in solchen Momenten wenig, finde ich. Mir haben folgende Erkenntnisse geholfen:
Mithilfe von Computerprogrammen und Soundlibraries kann man sehr schnell eine scheinbar perfekte Interpretation erreichen. Aber wer will das? Künstler*innen gehen darüber hinaus und erschaffen eine authentische Klangwelt, die völlig einzigartig ist. Keine Interpretation gleicht der anderen - und genau das ist das Wunderbare. Während man also seine kleinen und großen Fehler in der eigenen musikalischen Laufbahn begeht, sollte man nicht vergessen, dass alle Musiker*innen denselben Weg gehen müssen. Man sollte sich nicht von Fehlern entmutigen lassen, sondern vielmehr daran denken, dass man - trotz der potenziellen Gefahr, sich zu verspielen - mutig vor das Publikum getreten ist. Diese Perspektive ist weitaus produktiver und hilft, das eigentliche Problem zu erkennen: Nervosität.
Anstatt sich selbst in Grund und Boden zu tadeln, könnte man versuchen, Übungen zu finden, die vor dem Auftritt helfen können. Auch der ehrliche Austausch mit anderen Musiker*innen ist meist sehr hilfreich. Allein die Erkenntnis, dass Nervosität ein ständiger Begleiter ist und durch einen gesunden Perspektivwechsel aus Angst auch Motivation werden kann, ist entscheidend. Und wie Beethoven sagte: „Eine falsche Note zu spielen ist unwichtig, aber ohne Leidenschaft zu spielen ist unverzeihlich!“
Seit Clara Schumann das erste Mal vor einem ausverkauften Konzertsaal ohne Partitur auf die Bühne trat und ein ganzes Konzert auswendig spielte, grenzte das für viele an ein Wunder. Einige Jahre zuvor hatte der junge Mozart das Publikum bereits in Staunen versetzt, indem er sogar mit verbundenen Augen spielte. Heute wissen wir, dass durch ständiges Üben und Wiederholen die Verbindung zwischen Handmuskulatur und Gehirn gestärkt wird - sodass Auswendigspielen überhaupt möglich ist. Ja, sogar ohne Hinsehen, denn durch das Ertasten der Hände auf der Klaviatur entsteht eine zusätzliche Orientierung.
Das Auswendigspielen und das Gefühl, vor Publikum wie ein Magier ohne sichtbare Hilfsmittel Klänge herbeizuzaubern, ist für viele Musiker*innen ein unbeschreibliches Erlebnis. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Jahrzehnte der Forschung haben inzwischen gezeigt, wie eng Muskulatur, Musik und die Bereiche des Gehirns für Bewegung und Gedächtnis zusammenwirken. Dennoch muss diese Verbindung zunächst aufgebaut werden - und das geschieht meist mit der Zeit von selbst. Wichtiger, so finde ich, ist das Notenlesen und das Spielen vom Blatt. Für viele ein Albtraum, aber in Wahrheit liegt hier die eigentliche Magie: Eine Partitur, die man noch nie gesehen hat, spontan zu spielen und nach wenigen Wiederholungen bereits musikalisch zu interpretieren, ist meiner Meinung nach das Fundament, das alle anderen Übungsschritte erleichtert. Ein Patentrezept, diese Kunst zu erlernen, gibt es nicht - aber einige hilfreiche Tipps:
Ich denke, es wird deutlich: Üben geht immer Hand in Hand mit Geduld - und gerade hier ganz besonders. Bei stetigem, regelmäßigem Üben ist der Durchbruch garantiert. Und keine Sorge, wenn es anfangs schräg, seltsam oder sogar falsch klingt - genau dafür übt ihr ja!
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Wenn man in der Schule ein Buch lesen musste, hat man es danach meist gehasst - selbst wenn es ein Klassiker war, den man unter anderen Umständen vielleicht sogar gemocht hätte. Ähnlich ist es mit gewissen Stücken oder Komponist*innen. Schlechte Lehrkräfte können einem jeden Komponisten und jedes Stück madig machen - gute Lehrkräfte bewirken das Gegenteil. Durch sie entdeckt man oft in Werken und Komponist*innen, die man nach Selbsteinschätzung „nicht ausstehen kann“, plötzlich Techniken und Klangkonzepte, die einem zuvor nie aufgefallen wären.
Extrem formuliert: Beethoven ist zu laut, Mozart wird überschätzt, Chopin besteht nur aus Ornamenten, Wagner kommt nie auf den Punkt, und für Schönberg braucht man eher ein Geodreieck als ein Klavier, um ihn zu interpretieren. Auf der anderen Seite heißt es dann, Yiruma sei „Wischiwaschi“, Anime-Soundtracks seien „Kinderkram“, und Einaudi oder Tiersen machten „Fahrstuhlmusik“. Aber das ist schlichtweg falsch, denn:
Oft sind die Vorzeigestücke jener Komponist*innen, die man nicht mag, zufällig auch jene Werke, die sie selbst nicht besonders mochten. Manchmal liegt es auch daran, dass bestimmte Stücke „überspielt“ und dadurch übermäßig oft interpretiert worden sind. Doch das sollte kein Grund sein, sich ganzen Klangwelten zu verschließen. In den Worten von Sergei Rachmaninoff: „Musik ist genug für ein ganzes Leben, aber ein Leben ist nicht genug für Musik.“
Ein schwieriges Thema - und der Disput darüber findet wohl nie ein Ende. Fakt ist jedoch: Der Mensch möchte alles messen und bewerten. Sicherlich ergibt das in vielen sportlichen Disziplinen mit klaren Messeinheiten - etwa Metern oder Punkten - Sinn. Doch lässt sich Musik, geschweige denn die Interpretation eines Stücks, wirklich skalieren und vergleichen? Vor allem auf dem Niveau, auf dem die meisten Bewerber*innen heute spielen?
Ich glaube: nein. Meiner Meinung nach untergraben Wettbewerbe jeglicher Art die eigentliche Idee des Musizierens und Komponierens - nämlich der eigenen Intuition und dem individuellen Gespür für das Instrument näherzukommen und Zeit in der Kunst zu verbringen. Gerade am Anfang ist der selbsthergestellte Kontakt zum Instrument wichtiger als das Exerzieren von Übungen und Routinen. Vielmehr sollte man das Instrument selbst entdecken dürfen, denn nichts bleibt einem stärker im Gedächtnis als Erkenntnisse, die man durch eigene Erfahrung gewonnen hat.
Ein weiterer Fakt ist jedoch, dass Wettbewerbe seit Langem etabliert sind und ein hohes Ansehen genießen. Von den Teilnehmer*innen wird viel erwartet, und die Konkurrenz ist groß. Wenn man die Messlatte jedoch etwas tiefer hängt, erkennt man, dass bei manchen Musiker*innen ein ungesundes Wettbewerbsdenken vermittelt wird - selbst bei kleineren, regionalen Wettbewerben. Eine gesunde Perspektive ist hier oft wegweisend:
Ebenso wichtig ist es, andere Künste parallel zu entdecken: Theater, Oper, Malerei, Bildhauerei, Gedichte, Literatur, Tanz - und all die faszinierenden Kombinationen daraus. Künste sind miteinander verbunden und bilden ein facettenreiches Spektrum aus Klang, Farbe und Gestalt, das für sich allein schon schön, in seiner Ganzheit jedoch schlicht überwältigend ist. Am Ende sollte man sich der Musik gegenübersehen - nicht einer von Menschen erfundenen, arbiträren Skala, die im Grunde genommen für das eigene künstlerische Schaffen keinerlei Aussagekraft besitzt.